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Und immer noch der Wunsch, fortgetragen zu werden.
Weit, weit weg, nicht rück-, sondern vorwärtsblickend, nicht ankommend, treibend durch die Gegend,
als Ziel kein Ziel. Durch den Sommer. Endless Summer. 

 

 

Endless Summer

In der Nacht Gewitter. Blitze stehen über dem See. Und werfen die bange Frage auf nach der Sicherheit im Chateau. Keine Sicherheit, schreibt das Internet. Flucht ins Auto. Warten, bis das Krachen vorbei ist. Erinnerung an die Kindheit, als ich mich zu Silvester Jahr für Jahr aufs Neue vor der Knallerei in die Küche flüchtete, um aus sicherer Distanz vom Fenster aus das Treiben vor der Tür zu beobachten. Einmal Angsthase, immer Angsthase. 

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Das, was ich im Winter mit Heizen gespart habe, verballere ich jetzt für den Klimawandel. Der alte Kühlschrank rödelt sich die Lunge aus dem Gemüsefach, und der Versuch, mit einem gekauften Sack Eiswürfel von der Tanke der Sache Herr zu werden, geht gründlich in die Hose. Der Plastikbeutel leckt, das getaute Wasser ergießt sich in Seen auf dem Korkfußboden. Fuck you very much.

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Die Toleranzgrenze sinkt mit fortschreitender Saison. Gegenüber Campern, die sich benehmen, als hätten sie ihr Leben bisher in einer Einzelle verbracht. Und zugleich die Erkenntnis, dass es als Campingplatzbesitzer auch kein leichtes Leben ist. Die Hoffnung gehört dem Sonntag. Am Abend sind die meisten von ihnen wieder weg.

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Familie Blesshuhn freut sich über Nachwuchs, das Kücken macht Krach für zehn. In meiner Vorstellung schließen die Alten beim Abtauchen in den See die Augen und genießen den Moment der Stille. Ich bin mit ihnen.

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Und ich dachte, ich wäre darüber hinweg. Und doch wieder nur Rumeierei auf die Frage nach dem Wohnsitz. Darüber schreiben, ist das eine, es jemandem aber ins Gesicht zu sagen, dass man jetzt in einem Wohnwagen lebt, kostet trotz der vielen Monate noch immer Überwindung. 

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Über den Campinglatz im Bademantel oder gleich einfach nur im Schlüpi mit der unerschütterlichen Selbstverständlichkeit als wäre es das eigene Grundstück, Respekt, bring ich nicht.

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Nach langer Zeit mal wieder den Lieblingsmenschen getroffen. Seit meinem Umzug auf die andere Seite des Sees bekomme ich ihn gar nicht mehr zu Gesicht. Jetzt aber großes Hallo - und seinerseits die Frage: "Wollen wir Freunde sein?" Wollen wir. 

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Sonderbar junge Menschen. Die sich mit ihrem Zelt direkt zwischen zwei Wohnwagen klemmen, obwohl ein paar Meter weiter der Rest der Wiese frei ist. Erstes Glück, Alleinsein, das stell ich mir irgendwie anders vor. Lange über die Motivation der beiden Teenager nachgedacht, keine Antwort gefunden. 

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Meine Rechnung geht so. Mit Glück kommen noch 40 Jahre. Vor 30 Jahren war ich um die 20. In 20 Jahren geh'  ich in Rente. Dazwischen eine halbwegs berufliche Karriere mit den üblichen Ausschlägen nach unten und oben. Nochmal 30, das reicht vielleicht, nochmal Neues auszuprobieren. Zugleich große Angst vor dem, was kommt, vor den Dingen, die man selbst nicht mehr kontrollieren kann. Die größte Angst dabei vor einem Leben in Einsamkeit. Der Mann von der Nachbarin - verstorben. Die Frau des Nachbarn - verstorben. Der Mann hinten ist nicht mehr gut zu Fuß. Und auch der Mann daneben ist wegen seiner Beschwerden nur noch auf einem Dreirad unterwegs. 

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Und noch immer der Wunsch, fortgetragen zu werden. Weit, weit weg, nicht rück-, sondern vorwärtsblickend, nicht ankommend, treibend durch die Gegend, als Ziel kein Ziel. Durch den Sommer. Endless Summer.

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Kommentare (2)

  • Susanne Clausen
    am 26.06.2019
    Hallo Marion,
    das ist sehr schön geschrieben.
    Was bleibt, ist die Leidenschaft in uns und die sollten wir uns bis zuletzt bewahren.
    Sommerliche Grüße
    • Marion
      am 26.06.2019
      Vielen Dank, liebe Susanne. Einen Versuch ist es zumindest wert. Alles andere kommt so oder so. In diesem Sinn: hab es schön. Und sommerliche Grüße zurück.